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Back to the roots: Musikalischer Reichtum kommt zurück auf die grüne Insel

Meine Kindheit und Jugend im Irland der 1980er und 1990er Jahre hat mich als Mensch und Musikerin tief geprägt. Der Gemeinschaftssinn, die Freundlichkeit, der Humor und der respektvolle Umgang, die ich dort erlebte, haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Ich wollte dazugehören und nutzte dafür jede Gelegenheit. Als ich als kleines Mädchen in Irland ankam, nahmen mich meine neugierigen Klassenkameraden in Empfang und brachten mir alles über das Land bei. Angesichts einer vergleichsweise eher geringen Anzahl von Einwanderinnen und Einwandern fühlte sich die Ankunft von Neuankömmlingen aus aller Welt Ende der 90er Jahre sehr aufregend an, so als ob Irland nicht nur entdeckt worden wäre, sondern sich selbst entdeckt hätte. Aber das Leben auf der grünen Insel hatte auch seine Schattenseiten und naturgegebenen Begrenzungen. Alle bedeutenden Geigerinnen und Geiger dieser Jahrzehnte und der Folgezeit verliessen Irland für ihr Studium. Auch wenn diese Entscheidung für manch ambitionierten Musiker und manche begabte Musikerin ein natürlicher Schritt ist: In anderen Ländern Europas gehört er nicht zwangsläufig zur künstlerischen Entwicklung. In Deutschland, Österreich, Grossbritannien, den Niederlanden – um nur einige zu nennen – gibt es so viele gute Lehrerinnen und Lehrer für Streichinstrumente, dass Studierende überall in den Städten jemanden mit Renommee finden. Iren kommt das Studium im Ausland teuer zu stehen. Das gilt nicht nur für die Familien junger Musikerinnen und Musiker, sondern auch für den Fortbestand der Streichmusik: Das Ökosystem der klassischen Musik erleidet Verluste, während andere Teile der Welt weitere grossartige Talente aus Irland für sich gewinnen.

Als Kind von Eltern, die während einer Zeit des Umbruchs nach Irland kamen, erlebte ich ein Land voller Begeisterung, Offenheit und durchaus auch Stolz auf sein künstlerisches Erbe. Während meine Eltern hunderte eifriger Geigen- und Bratschenschülerinnen und -schüler aus allen möglichen Countys unterrichteten, machte ich meinen Weg durch die Grund- und weiterführende Schule und später zur Universität von Dublin.

Ich war die Erste, die an der High School Danum in Dublin ein Musik-Stipendium gewann. Die Idee dafür stammte von meiner Mutter, die einerseits eine gute Unternehmerin war, andererseits aber immer darum kämpfen musste, dass wir über die Runden kamen. Sie sah ein Stipendium als Möglichkeit, die klassische Musik stärker zu fördern. Damit legte sie unter anderem den Grundstein für ein erfolgreiches Schulorchester, das es auch heute noch gibt.

Die Zeit schritt fort, der Keltische Tiger erwachte, und die Zahl derer, die sich Privatunterricht oder hervorragende Lehrerinnen und Lehrer an öffentlichen Musikschulen leisten konnten, wuchs. Für Kinder gab es deutlich bessere Möglichkeiten, ihr Potenzial auszuschöpfen, wie auch an den in das Silber zahlreicher Feis-Trophäen eingravierten Namen zu erkennen ist. Sie lesen wie ein „Who‘s who“ der Mitglieder angesehener Ensembles und Orchester in Irland und im Ausland – als Solistinnen und Solisten, Lehrerinnen und Lehrer und Kulturschaffende.

Bezeichnenderweise war das Young European Strings Chamber Orchestra – das Streichorchester der Schule meiner Mutter und einzige Kammerorchester, das seit der Einführung eines Kammerorchesterpreises jedes Feis Ceoil gewann – ein Ort, an dem gleichzeitig eine gute Gemeinschaft herrschte und gleichzeitig der Leistungsstandard stieg, nicht zuletzt, weil das Ensemble regelmässig externes Feedback einholte. Der Elternbeirat sammelt jedes Jahr Spenden, um einen renommierten Künstler oder eine renommierte Künstlerin aus dem Ausland zu einem Projekt einzuladen, das den Spielerinnen und Spielern Zugang zum Musizieren jenseits der eigenen Grenzen ermöglicht.

Es ist die Aufgabe engagierter Lehrender, jungen Musikerinnen und Musikern Zugang zu Unterricht durch herausragende internationale Künstlerinnen und Künstler zu geben. Das gilt für die persönliche Erfahrung ebenso wie für das Gemeinschaftserlebnis.

Die Idee, den internationalen Meisterkurs der National Concert Hall ins Leben zu rufen, entstand aus dem Wunsch heraus, Kammermusik und Zusammenarbeit in einen breiteren Kontext zu stellen. Der Meisterkurs fördert das Lernen und Netzwerken junger Talente und gibt damit einen starken Impuls, gemeinsam eine bessere Zukunft für die klassische Musik in Irland aufzubauen. Im Meisterkurs kommen junge irische Talente in Kontakt mit Lehrerinnen und Lehrern, bei denen sie ansonsten nur im Ausland Unterricht nehmen könnten. Der Kurs vergibt Stipendien an Schülerinnen und Schüler, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, und bringt internationale und irische Studierende zusammen, die während einer entscheidenden Phase ihrer Entwicklung gemeinsam spielen und auftreten. Es ist der wertvolle Moment, wenn sie sich auf den Weg machen, Profimusikerinnen und -musiker zu werden, wenn sie herausfinden, ob sie selbst die Motivation dafür aufbringen, das, was sie gelernt haben, später für sich umzusetzen.

Als ein Kind Irlands möchte ich zu dieser schönen Zukunft beitragen und der Insel etwas von dem zurückgeben, was sie mir geschenkt hat.

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Der sechste Internationale Meisterkurs der National Concert Hall findet vom 29. Juli bis 3. August 2024 statt. Die einmalige Sommerakademie der ersten Adresse für klassische Musik in Irland bietet Auftrittsmöglichkeiten an der Seite international anerkannter Musikerinnen und Musiker. Der Fokus des NCH IMC liegt auf der Kammermusik. Die Teilnehmenden erhalten jedoch zusätzlich täglich Einzelunterricht. Hinzu kommen Workshops für zeitgenössische Musik und Komposition.

Zu den Fakultätsmitgliedern gehören: Gwendolyn Masin (künstlerische Leitung und Violine); Sarah Christian (Violine); Hartmut Rohde (Bratsche); Maximilian Hornung (Cello); Nicholas Rimmer (Klavier); Emma O’Halloran (zeitgenössische Komposition) und Zoë Conway (irische Fiddle). Kammermusik-Coachings mit Abigail McDonagh (Violine), Martin Moriarty (Bratsche), und Patrick Moriarty (Cello.

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L-R: Adrian Brendel, Gwendolyn Masin, Martin Moriarty, und Teilnehmer:innen des NCH IMC 2023